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Figuren können Grenzen durchbrechen

Presse-TF-Figurentheater 01 April 2015

Kulturinterview mit Carsten Dittrich

 

Wie die diesjährige Puppenparade Ortenau wieder einmal gezeigt hat, ist Figurentheater auch bei Erwachsenen eine beliebte Form. Aber was bedeutet Puppenspiel eigentlich? Schauspieler Carsten Dittrich weiß da gut Bescheid.

Oberkirch. »Das heißt nicht Puppentheater, sondern Figurentheater«, korrigiert der Schauspieler Carsten Ditt­rich schmunzelnd auf die Frage, was Puppenspiel heute noch für eine Bewandtnis habe. Was für den Laien irgendwie dasselbe ist, ist für den 38-jährigen Dittrich etwas völlig Unterschiedliches. Er muss es wissen, er hat das schließlich studiert. Dittrich ist Diplom-Schauspieler mit Schwerpunkt Puppenspielkunst. »Puppen- oder Figurentheater« sei nicht die Frage. »Es ist eher ein Ost-West-Problem«, erklärt er lachend. Sein Kollege Jan Mixsa, »Tabaluga«-Regisseur, nickt. »Figurentheater« beinhalte nämlich alle Gegenstände, die man zum Spiel einsetzen kann. »Ich benutze sogar Mars-Riegel«, sagt Dittrich.

Jahrmarkt-Kasper

Das Figurenspiel ist eine uralte Tradition »und war ursprünglich Theater für Erwachsene«, sagt Dittrich. Der Kasper war der Jahrmarktkasper, »die Stimme des Volkes«, der öffentlich das aussprach, was man sonst lieber nicht laut sagte. »Der Kasper war damals aber noch ein echter Schauspieler.« Bis etwa zur Romantik. Dann wurde er zur Puppe – und Unterhalter für Kinder. Er hatte zwar immer noch eine große Klappe, wurde aber irgendwie niedlicher. Weswegen es wohl auch lange gedauert habe, bis er die erwachsenen Zuschauer zurückerobern konnte.
Seit den 80er-Jahren habe sich eine offenere Spielweise entwickelt, die alle Formen von Theaterspiel und Figuren einbeziehe. »Es gibt nicht mehr viel traditionelle Figurentheater«, sagt Dittrich. Figuren und Menschen stehen gemeinsam auf der Bühne, verschiedenartige Figuren werden gleichzeitig genutzt, Schattenspiel wird integriert – was auch Dittrich tut. Doch warum überhaupt Figurenspiel?

Mit Figuren könne man »andere Dinge« machen, andere Ebenen bedienen als beim »echten« Theater, sagt Carsten Dittrich. Sie transportierten Komik, könnten Grenzen durchbrechen »wie in einem Comic«, könnten verblüffen – etwa wenn sie sich wie Menschen verhielten oder aussähen. Mit dem beschränkten Bühnenbild könne man Fantasie wecken. »Je weniger sich auf der Bühne befindet, desto besser.« Derzeit probt Dittrich mit der Jungen Bühne Oberkirch Otfried Preußlers »Krabat«. Eine »düstere Geschichte voller Oednis, Verzweiflung, Magie«, die auf einer alten sorbischen Sage beruht.

Vor zwei Jahren hatte Ditt­rich die nicht weniger düstere Geschichte vom »Herrn der Fliegen« inszeniert. Was die Frage aufwirft, warum Jugendliche sich solche Geschichten antun. »Es geht um Selbstfindung und Sterblichkeit; die Geschichte macht die eigene Sterblichkeit deutlich. Und Jugendliche beschäftigt das.« Mystik und Zauberei stünden sowieso derzeit hoch im Kurs. Und es gehe um die Tricks, mit denen man dem Tod entgeht. »Da schließt sich der Kreis.« Diese Ernsthaftigkeit spreche dann auch die Erwachsenen an. Mythen und Sagen sind überhaupt Dittrichs Ding, die er gerne verarbeitet.

Spiel mit Schatten

Wie 2013 beim »Herrn der Fliegen« gibt es auch bei Krabat zwar einen Text, vor allem aber Improvisation. Ditt­rich arbeitet »sehr gerne mit Jugendlichen. Die bringen sich sehr stark ein, ihre Gefühle, ihre Sicht oder Perspektiven«. Das mache die Inszenierung so authentisch. Daher sei es für ihn auch extrem wichtig, seine Gedanken und Überlegungen mit den jungen Akteuren zu teilen. Bei »Krabat« setzt er auf Hilfsmittel, die das Zauberhafte und Mytische unterstützen, die Emotionen und die Fantasie befeuern: Licht, Musik und ganz neu Schattenspiel.

Gerade das Schattenspiel mache viele Szenen glaubwürdig – vor allem die magischen. Von einer Kollegin der Sorbischen Volksbühne Bautzen erhielt Dittrich original sorbische Volksmusik. »Die Lieder sind eher düster und spiegeln die Stimmung komplett«, beschreibt Dittrich. So mache der Zugang auch den jungen Leuten Spaß.
 
Wichtig bei aller Magie –Theater muss für Dittrich auf jeden Fall »handgemacht« sein und wirken. So werde es »echt«.
Und vor wem spielt er am liebsten? Vor den Zehn- bis 12-Jährigen. Nun ja, auch vor den Dreijährigen, sagt der Vater einer kleinen Tochter, und ab 25 – ach, eigentlich vor allen, sagt er lachend. Die meisten Stücke könne man jeder Altersgruppe anbieten, lediglich die Länge müsse stimmen. »Und Kindern ist es völlig egal, wenn die Hexe verbrennt. Sie war böse, also wird sie bestraft. Fertig.« Bedenkenträger seien die Erwachsenen, die meinen, man könne den Kleinen den Teufel nicht zumuten. Oder den Tod.
 
Wie sieht es mit dem Stückeangebot sonst aus? Auf den Theaterbühnen werden ja zunehmend Bestseller-Romane inszeniert. Das sei beim Figurentheater nicht anders. »Nur noch das, was die Leute aus dem Kino kennen, nur noch Schenkelklopfer.«
Quelle: Offenburger Tageblatt


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